Die Entwicklung der Stadt im Industriezeitalter

Von: Jens Riesner
Rubrik: Entwicklung

Einleitung

Im Laufe ihrer Geschichte verändert eine Stadt oft die Gestalt. Aus kleinen Ansiedelungen werden ummauerte Städte mit mächtigen Burgen. Eine der gewaltigsten Veränderungen unterwarfen sich die Städte im 19. Jahrhundert, als die Industrielle Revolution Millionen von Arbeiter in die Städte zog. Alte Gebietsgrenzen wurden gesprengt und frühere Vororte befanden sich plötzlich mitten in Arbeitersiedlungen und Industriegebieten wieder.

Die folgende Arbeit zeigt, wie bereits im 17. und 18. Jahrhundert erste Veränderungen in der Städteplanungen vorgenommen wurden und aus den natürlich gewachsenen Siedlungen Planstädte entstanden.

a) Schlösserbau und Gartenanlagen — Der Traum der strukturierten Idealstadt

Die unstrukturierte Stadt des Mittelalters hatte sich lange Zeit in ihrem Gesamtbild nur wenig verändert. Doch die Zerstörungen während des Dreißigjährigen Krieges und der aus Frankreich kommende Absolutismus gaben vielen Städten ein neues Bild. Während des Krieges hatte es sich erwiesen, dass die meisten Stadt- und Bergbauern nicht mehr in der Lage waren, ausreichend Schutz vor den neuen Geschützen zu bieten. Zudem hatte der Adel zu Beginn des 16. Jahrhunderts bereits vielerorts begonnen, aus den Burgen in wesentlich wohnlichere Schlösser umzuziehen. Es zeigte sich, dass eine direkte Präsenz des Herrschers in der Stadt wesentlich effektiver war als der Sitz auf einer zumeist abseits der eigentlichen Stadt stehenden Burg. Zwar war noch immer eine Distanz zum gemeinen Volk äußerst wichtig, doch der Adel wollte seine Anwesenheit in der Stadt demonstrieren.

Zweckmäßig für diese Demonstration der Präsenz von Adel und Hof waren prunkvolle Schlösser mit klar strukturierten Gartenanlagen. Um keine Geschäfte, und somit Geldquellen, zu verdrängen entstanden die meisten Schlossanlagen am Stadtrand, wo anstatt Banken und Läden nur Wohnhäuser existierten, die entsprechend abgerissen wurden. Ein ähnliches Schicksal wurde vielerorts auch der inzwischen zwecklos gewordenen Stadtmauer zuteil. Weitere Gründe für die Randlage der Schlösser waren die großflächigen Parkanlagen, die meist an diese Anwesen angeschlossen waren, sowie ein ausgesprochener Sicherheitsgedanke der Herrscher. Im Falle eines Bürgeraufstandes oder eines Flächenbrandes war es dem Adel schnell und unkompliziert möglich aus der Stadt zu fliehen. Durch die Verlegung des Herrschaftssitzes in die Stadt und der Verankerung von herrschaftlichen Amtsgebäuden und neuen handwerklichen Zulieferungsbetrieben entwickelte sich aus der mittelalterliche Herrschaft eine neuzeitlich Residenzstadt.1

Außerdem entstanden im direkten Umfeld der Residenz und auf dem umliegenden Land noch weitere Zusatzbauten, so dass eine regelrechte Residenzlandschaft heranwuchs. Wie erwähnt schloss sich an dem Hauptbau der strukturierte Garten an, zu dem meist auch eine Orangerie gehörte. Vor dem eigentlichen Schloss waren Dienstbotengebäude und Stallungen eingerichtet worden. Hinzu kamen Meiereien und erneut Verwaltungsgebäude. Außerhalb des Stadtgebietes wurden Jagdschlösser und Sommerresidenzen für den Adel errichtet.2

Die Städte selbst wurden nach absolutistischen Vorbildern umgestaltet. Waren die mittelalterlichen Städte noch an die Landschaft angepasst und scheinbar willkürlich gewachsen, so herrschte seit Beginn der Renaissance im 17. Jahrhundert der Hang zu Symmetrie, klaren Strukturen und klaren Achsen vor. Der zentrale Punkt sollte nun die Schlossanlage sein. Unter ihr mussten alle anderen Gebäude zurückbleiben und sich in weit größerem Maße optisch unterordnen wie noch bei den Zentren der mittelalterlichen Stadt.

Den kleinen Landstädten, die im Dreißigjährigen Krieg schwere Zerstörungen hinnehmen mussten konnten im Zuge des Wiederaufbaus an diese neue Idee angeglichen werden. Die bedeutenden Reichsstädte hingegen taten sich wegen ihrer reinen Größe und starren Strukturen wesentlich schwerer bei der Umsetzung. Tatsächlich scheint sich der Absolutismus im Gesamtbild der meisten Kleinstädte wesentlich deutlicher Niedergeschlagen zu haben als in den Großstädten des Reiches. Aus dieser Idee der durchstrukturierten Anlagen erwuchs im Zeitalter des Absolutismus die Vision der „Idealen Stadt". Sie war weniger das Resultat einer architektonischen Vorstellung, sondern vielmehr die Idee einer politischen Manifestation der absolutistischen Macht. Die Stadt sollte die Größe des Herrschers widerspiegeln und die vermeintliche Allmacht des Fürsten verkörpern. Sie sollte nach dessen Vorstellung entstehen. Doch auch wenn in vielen Städten tief greifende Bauprogramme und Veränderungen durchgeführt wurden, konnte diese Vision nie umgesetzt werden. Wie Giulio Carlo Argan es richtig formulierte: „keine Stadt ist jemals durch dir Erfindung eines Genies entstanden; die Stadt ist das Produkt einer Geschichte, die sich kristallisiert und manifestiert."3

Ausgehend von dieser Anlage sollten große Ausfallstraßen und Alleen entstehen. Viele Gebäude wurden optisch verändert und die „neue" Stadt sollte klare Strukturen aufweisen. War nicht das Schloss das Zentrum dieser neuen Ausrichtung, dann konnten auch große Kirchen oder die mächtigen Barockbauten des 18. Jahrhunderts an ihre Stelle rücken. Diese monumentalen Bauten sind charakteristisch für das Stadtbild der Frühen Neuzeit. Die Baukunst des Absolutismus entspricht in ihrer gigantischen Gestaltung auch dem Stil der faschistischen Führer im 20. Jahrhundert.4

Doch trotz dieses Umstandes entwickelte sich im Absolutismus und der Renaissance die Stadtplanung zum prägenden Element der Architekten. Trotz ihrer utopischen Vorstellungen

und den geringen Erfolgsaussichten waren diese Ideen von maßgeblicher Bedeutung für die weitere Stadtentwicklung. Zahlreiche Ansätze wurden aufgegriffen und bei Neuplanungen angewendet. Bei der Erschließung neuer Baugründe wurde in Folge dieser Entwicklung eine neue Planmäßigkeit deutlich. Das Durcheinander des Mittelalters wich in dieser Zeit einer klaren Struktur. Mit der Entwicklung der Katasterpläne im frühen 19. Jahrhundert und der damit verbundenen Möglichkeit eines klaren Überblicks über die Stadtstrukturen wurde die Planungsmöglichkeit schließlich erneut verbessert.5

Die Kehrseite dieser absolutistischen Baumaßnahmen war die begrenzte Entwicklungsmöglichkeit des Handels und des Gewerbes, die durch die große Baufreudigkeit des Adels immer weiter eingeengt wurden. Einerseits nahmen die Neubauten sehr viel Baugrund für sich in Anspruch und zum anderen wurden in vielen Städten Festungsbauten errichtet, die mit mächtigen Mauern die Stadt umgaben und eingrenzten. Am Vorabend der industriellen Revolution wurde das traditionelle Gewerbe somit stark geschwächt. Hinzu kam der starke Zuzug aus dem Umland, der während der frühen Neuzeit enorm angewachsen war und vor allem die so stark veränderten Residenz- und Festungsstädte betraf.

Der große Zuwachs der Städte und der aufgrund des aufwendigen Lebensstils an neuen Geldquellen interessierte Adel waren andererseits aber die ideale Grundlage für die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert.6

b) Die Welt aus Stahl – Die geplante Industriestadt

Die städtebauliche Entwicklung der industriellen Revolution profitierte während ihrer Anfänge durch die im Absolutismus entstandene Stadtplanung. Die Ansiedlung neuer Fabriken oder Manufakturen konnte durch diese Vorarbeit besser organisiert und geplant werden. Allerdings entstanden nun andere Probleme, die bei der Wohnplanung berücksichtigt werden mussten. Bereits die Bevölkerungsexplosion des 18. Jahrhunderts hatte die Wohnlage problematisch gemacht, doch mit dem rapiden Wachstum der Industrie und dem enormen Zustrom von Arbeitern, die in der Stadt arbeiteten und lebten, verkleinerte sich der zur Verfügung stehende Wohnraum in zunehmender Weise.7

Die Stadt wurde aus ihren ursprünglichen Grenzen, die sie meist über Jahrhunderte hinweg nur in kleinen Schritten ausgedehnt hatte, herausgesprengt. Innerhalb weniger Jahre vervielfachten Städte mit großem Industriewachstum ihre Einwohnerzahl und Größe. Die Ansiedlung der Industrie hatte sich nicht auf den Bereich innerhalb der Stadtmauern konzentriert, sondern entstand vor der Stadt, in ihrer direkten Umgebung. Im Zuge dieses Wandels dehnte sich nun auch die Stadt über ihre Mauern hinweg aus. Ehemalige Vororte

fanden sich plötzlich innerhalb der Stadtgrenzen wieder und nahe gelegene Dörfer wurden von der auswuchernden Stadt eingemeindet. Das Antlitz der Stadt hatte sich unwiederbringlich gewandelt und die Bevölkerungsverschiebung hatte das Verhältnis von Stadt und Land völlig verändert.8

Bedingt durch das starke Wachstum und unterstützt durch die Städteplanung wurden die Stadtteile zunehmend durchstrukturiert und in Funktionsräume unterteilt. Die ursprüngliche Stadt, um die sich die neuen Ortsteile entwickelt hatten wurde nun zum Stadtzentrum. Die Stadtbefestigungen, die schon lange keine Funktion mehr erfüllten, wurden in vielen Fällen im Laufe des 19. Jahrhunderts entweder geschliffen, oder zumindest teilweise entfernt um breitere Straßen errichten zu können, die den neuen Verkehrsanforderungen gerecht wurden. Dazu kamen spezielle Industrie- und neue Siedlungsgebiete. Nachdem vor der Industrialisierung vornehmlich die arme Bevölkerungsschicht dort gelebt hatte, wuchsen in der Vorstadt Neubausiedlungen für die zugezogenen Arbeiter. Viele dieser Siedlungen entstanden nicht durch die Initiative der Städte selber, sondern wurden durch die Unternehmer finanziert, die für ihre Angestellten besondere Werkssiedlungen errichteten. Dazu gehörte oftmals auch die entsprechende Infrastruktur mit Einkaufsmöglichkeiten, Versammlungshallen sowie Bars und Restaurants. Das Proletariat wurde allerdings aus den Stadtzentren in andere Wohngebiete in der Vorstadt verlegt, in denen riesige, aber in Bauweise und Lebensqualität weitgehend mangelhafte Wohnblöcke emporgewachsen waren. Doch die Stadtplaner konnten aufgrund der vorherrschenden Wohnungsnot nur bedingt auf die Verbesserung dieser Zustände eingehen und sorgten sich im Wesentlichen darum, in möglichst kurzer Zeit neue Wohnungen zu schaffen, die nach Möglichkeit auch noch in direkter Umgebung der Fabriken standen.

Die Vorgehensweise der Stadtplaner unterschied sich von der ihrer absolutistischen Vorgänger besonders in der Frage der Ästhetik. Während im Absolutismus noch das „Kunstwerk", Stadt im Vordergrund stand, kam es während der Industriellen Revolution ausschließlich auf Funktionalität und Baugeschwindigkeit an. Auch die Bedeutung der Straßen hatte sich gewandelt. Im Vordergrund stand nun die schnelle Verbindung innerhalb der Stadt. Ausgehend von den alten Ausfallstraßen entwickelte sich um die Stadt ein Ringsystem von Straßen und Gassen.9

Um dem entstandenen Siedlungschaos Herr zu werden, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts schließlich baupolizeiliche Verordnungen erlassen, die dafür sorgen sollten das stetig zunehmende Städtewachstum in klare Strukturen zu lenken. Die Stadt sollte mit Hilfe dieser Verordnungen in verschiedene Nutzgebiete unterteilt werden, die sich in Industrie-, Wohn- und Mischviertel gliederten. Um die Rohstoffe in die Industriezentren zu liefern und die fertigen Endprodukte weiterverteilen zu können, mussten neue Transportmittel eingesetzt werden. Die lange Tradition der Binnenschiffart wurde durch neue Verbindungskanäle

ausgeweitet, an deren Ufer sich Haufenanlagen entwickelten. Hinzu kam der Vormarsch der Eisenbahn. Städte, die am industriellen Wandel teilhaben wollten, mussten an einem der beiden Transportwege angeschlossen sein.10

Aus diesem industriellen Wandel entwickelten sich vier dominante neue Städtetypen. Aus den alten Handelsstädten, die bereits vor der Industriellen Revolution entsprechende gewerbliche Grundlagen geschaffen hatten, entstand die kernbestimmte Bürgerstadt. Die Zentralstadt definierte sich über ein Wachstum an Hoheits-, Verkehrs- und Dienstleistungsaufgaben, dass durch die Industrialisierung erforderlich wurde. Zudem entstand die typische Industriestadt, die aus Industrie- und Wohngebieten zusammen mit den zentralen Einrichtungen zu einem geschlossenes Stadtbild zusammenwuchsen. Der letzte Typus ist die Bergbaustadt. Durch den entstandenen Bedarf an Rohstoffen wuchsen die ehemals kleinen Zechen zu großen Orten an. Diese Städte bilden einen Sonderstatus, da sie zum Zeitpunkt der Industrialisierung ihre Stadtwerdung noch nicht abgeschlossen hatten. Die Umwälzungen der Industriellen Revolution veränderten die Struktur der Städte, die innerhalb von Jahrhunderten gewachsen war, oft schon innerhalb weniger Jahre vollkommen. Die „alte" Stadt wurde zu einem eingezwängten Stadtkern, um den herum neue Stadtteile in kurzer Zeit gewachsen waren. Abgesehen von den zerstörerischen Kriegen war die Industrialisierung im 19. Jahrhundert die einschneidendste Veränderung, die den meisten Städten in ihrer Geschichte zuteil wurde. Zwar wurden Großstädte, insbesondere Handelszentren wie Nürnberg, den stärksten Veränderungen unterworfen, doch auch bei Kleinstädten wirkte sich die Industrialisierung, wenn auch in wesentlich geringerem Maße, aus.11

c) Die Auswirkung der Industriellen Revolution auf Kleinstädte

Der Hauptanteil der Städtelandschaft bestand im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit aus Kleinstädten mit etwa 2000 Einwohnern, zu denen ungefähr 94,5 % der Städte gehörten. Sie verfügten meist über eine oder zwei Hauptstraßen, an der sich die Geschäfte entlang reihten und die durch zweie Stadttore begrenzt wurden. Davor hatten sich winzige Vorstädte entwickelt. Doch einige von ihnen erlebten durch die Industrielle Revolution ein extremes Bevölkerungswachstum, während Andere aber nur wenig Zustrom bekamen.12

Die Faktoren für diese unterschiedliche Entwicklung liegen natürlich zum einen in den vorindustriellen Voraussetzungen der jeweiligen Städte und dem bereits vorhandenen Gewerbe. Hinzu kommen besonders bei dichter besiedelten Gegenden, in denen viele Städte auf engem Raum existierten, die Konkurrenzfähigkeit zu anderen Standorten und die Frage nach den Wachstumsmöglichkeiten der Städte. Während konkurrenzfähige und vor allem finanzstarke Gemeinden, die zudem noch Expansionsmöglichkeiten boten, die Industrie anzogen, mussten andere Städte dahinter zurückbleiben. Es entstanden Minder- oder Kümmerstädte. Diese mittelalterlichen Städte hatten sich während der Industriellen Revolution nur unmerklich vergrößert und nur einige kleine Fabriken hervorbringen können. Während andernorts die Zuströme explodierten, stagnierte das Bevölkerungswachstum in diesem Städten. Daher ist es auch verständlich, dass viele Städte, die einzig aufgrund ihrer Lage interessant waren, nur wenig Initiative aufbringen mussten um von der Industrialisierung zu profitieren.13

Ungemein wichtig war für diese ländlichen Kleinstädte aber vor allem die Anbindung an das entstehende Eisenbahnnetz oder eine Schifffahrtsstraße. Solche Transportmöglichkeiten waren die industrielle Lebensader der Industriestädte. Auch hier war der Standortvorteil von enormer Bedeutung. Eine Stadt, die genau auf der Eisenbahnlinie zwischen zwei Großstädte lag konnte somit relativ problemlos von der entstandenen Strecke profitieren und der Industrie Anreiz bieten, sich dort niederzulassen.

d) Das 20. Jahrhundert - Veränderung statt Stillstand

Die Stadt hatte sich im 19. Jahrhundert in ihrer Funktion und Bedeutung grundlegend gewandelt. Aus den kleinen mittelalterlichen Stadtanlagen, die einen eigenen, fast autarken Mikrokosmos gebildet hatten entwuchs bis zu Beginn des 20. Jahrhundert ein miteinander über die Eisenbahn verbundenes Städtenetz, in dem reger Austausch an Waren und Informationen stattfand. Die Stadt hatte sich zum Zentrum der Produktion erhoben, war aber weiterhin auch Ort der Verwaltung und der Versorgung. Somit hatten sich die Zentralität und die Bedeutung der Städte weiter vergrößert. Die Stadt des 20. Jahrhunderts war nun Ziel der Binnenwanderung und wurde zum primären Wohnort des Großteils der Bevölkerung.14

Nach der Jahrhundertwende hatten die Städte verstanden, welche Bedürfnisse die Industrie hatte, und wie sie erfüllt werden konnten. Denn die großen Fabriken benötigten nicht nur Rohstoffe und Arbeiter, sonder auch eine entsprechende Infrastruktur. Nachdem Bahn- und Straßennetz bereits im 19. Jahrhundert angelegt worden waren, folgte nun der Aufbau eines Kommunikationsnetzes. Hinzu kamen Kraftwerke, die den Fabriken die benötigte Energie lieferten um die Produktion am Laufen zu halten. Zudem war es vielen Industriellen wichtig ein enges Netz an Wohnsiedlungen in direkter Umgebung zu haben, das nicht nur Arbeitskräfte lieferte, sondern sich ebenso als Absatzmarkt eignete. Die Aufgabe der Städteverwaltung bestand nun in allererster Linie darin, die Infrastruktur so reizvoll wie möglich zu gestalten.15

Da die überregionale Infrastruktur meist nur wenig von den Städten selbst beeinflusst werden konnte, war eben der Ausbau der regionalen Strukturen von wesentlicher Bedeutung. Dabei hatte sich eine „Privatisierung der Stadt" eingestellt. Das Bürgertum hatte die Führung und die Macht vom Adel übernommen. Die Stadtplanung war nun nicht mehr in der Hand der Aristokratie, sondern wurde nun von der wesentlich praktischer orientierten Bürgerschaft ausgeführt.

e) Die neue Stadt zerstört die alte

Doch auch die neue Stadtplanung der Bürgerschaft musste im 20. Jahrhundert unter Kontrolle gebracht werden. Denn die fortschreitenden Veränderungen im Stadtbild drohten die Urstadt aus dem Mittelalter zu zerstören. Die kleinen Handwerkerhäuser im Stadtkern drohten durch neue Industriebauten ersetzt zu werden.

Die Altstadt wurde zur City, doch diese drohte zu verarmen. Während das Umland mit Fabriken und Wohngebieten zum Bezugspunkt der Bürger wurde, verlor die Innenstadt rapide an Bedeutung. Die alten und baufälligen Gebäude wurden zu völlig überzogenen Preisen an soziale Randgruppen vermietet und nur notdürftig renoviert, so dass die meisten Häuser nahezu unbewohnbar geworden waren. Im fortschreitenden 20. Jahrhundert hatte sich aber für die City eine neue Funktion gefunden. Sie wurde zum Geschäftsviertel der Stadt. Die Häuser wurden renoviert und zum zentralen Anlaufpunkt für Konsum und Kultur.

Um 1900 entstanden in eigenen Vorstadtgebieten regelrechte Villenviertel der Industriemagnaten. Während sich die arme Bevölkerung in der Nähe der Innenstadt angesiedelt hatte, errichteten sich die Mitglieder der Oberschicht am Stadtrand riesige Villen und schlossähnliche Bauten. Im Zuge des Kaiserreiches wurde dabei auch der preußische Prachtbaustil übernommen. Mit der Randlage konnte die Oberschicht dem Lärm der Stadt entfliehen und hatte zudem den Platz um ihre riesigen Anwesen zu errichten.16

Die Stadt verfügte nun über ein abwechslungsreiches Gesamtbild. Während im Zentrum die Altstadt mit ihren denkmalgeschützten Gebäuden als Gewerbegebiet genutzt wurde, ragten jenseits der Stadtmauern sofern diese noch vorhanden waren — die Schornsteine der Fabriken auf, um die herum sich die enormen Wohnblocksiedlungen der Arbeiterschaft erstreckten. Dahinter konnte man die Vorstadtvillen der Oberschicht nur erahnen. Durchzogen wurde dieses Stadtbild durch breite Straßen und einer verzweigten

Eisenbahntrasse, die zu einem, der Größe der Stadt entsprechenden Bahnhof führte. Man könnte nun den Eindruck gewinnen, dass sich derartige Einteilungen nur bei Großstädten durchführen lassen, doch es wird sich im Laufe dieser Arbeit noch zeigen, dass sich auch bei Kleinstädten diese Gliederung, wenn auch in reduziertem Maße, wieder findet.

Nach der Veränderung des Stadtbildes durch die Industrielle Revolution mussten sich die deutschen Städte durch die Zerstörungen des zweiten Weltkrieges erneut einer grundlegenden Erneuerung unterziehen. Die historische Entwicklung belegt, dass sich Städte kontinuierlich verändern und mit Höchstgeschwindigkeit an die aktuellen Umstände anpassen. Es gibt aber auch Kleinstädte, die nicht nur die Industrielle Revolution verschlafen haben, sondern auch den aktuellen Wandel zur Forschungs- und Entwicklungsgesellschaft. Diese kleinen Gemeinden werden wohl auf lange Sicht gesehen zunehmend schrumpfen und von der Landkarte verschwinden.

Fußnoten

a) Schlösserbau und Gartenanlagen – Der Traum der strukturierten Idealstadt

1 Piper, Ernst: Der Stadtplan als Grundriss der Gesellschaft – Topographie und Sozialstruktur in Augsburg und Florenz um 1500; Frankfurt, 1982; S. 31ff

2 Gertels, Klaus: Die deutschen Städte in der frühen Neuzeit – Zur Vorgeschichte der bürgerlichen Welt; Darmstadt, 1986; S. 24

3 Müller; Wolfgang (Hrsg.): Städtebau – Technische Grundlagen; Stuttgart, 1974; S. 468

4 Argan, Giulio Carlo: Kunstgeschichte als Stadtgeschichte; München, 1989; S. 296

5 Gertels, Klaus: Die deutschen Städte in der frühen Neuzeit – Zur Vorgeschichte der bürgerlichen Welt; Darmstadt, 1986; S. 27

6 Czok, Karl: Vorstädte – zu ihrer Entstehung, wirtschaft und Sozialentwicklung in der älteren deutschen Stadtgeschichte; Sbb. der sächsischen Akademie für Wissenschaft Leipzig – Philosophisch-historische Klasse; Band 121/ H. 1; Berlin, 1979; S. 11ff

b) Die Welt aus Stahl – Die geplante Industriestadt

7 Krabbe, Wolfgang: Die deutsche Stradt im 19. und 20. Jahrhundert; Göttingen, 1989; S. 68f

8 Marschalck, Peter: Zur Rolle der Stadt für den Industrialisierungsprozess in Deutschland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts; in: Reulecke; Jürgen (Hrsg.): Die deutsche Stadt im Industriezeitalter; Wuppertal, 1978; S. 57

9 Krabbe, Wolfgang: Die deutsche Stradt im 19. und 20. Jahrhundert; Göttingen, 1989; S. 91ff

10 Piccinato, Giorgio: Städtebau in Deutschland 1871 – 1914 – Genese einer wirtschaftlichen Disziplin; aus der Reiche: Bauwelt Fundamente; Band 62; Braunschweig. 1983; S. 23ff

11 Krabbe, Wolfgang: Die deutsche Stradt im 19. und 20. Jahrhundert; Göttingen, 1989; S. 76ff

c) Die Auswirkung der Industriellen Revolution auf Kleinstädte

12 Flachenecker, Helmut: Die Städte im Hochstift Eichstätt während des Spätmittelalters; in: Flachenecker, Helmut (Hrsg.): Städtelandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben – Studien zum Phänomen der Kleinstädte während des Spätmittelalters und der frühen Nezueit; München, 1999; S. 178f

13 Marschalck, Peter: Zur Rolle der Stadt für den Industrialisierungsprozess in Deutschland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts; in: Reulecke; Jürgen (Hrsg.): Die deutsche Stadt im Industriezeitalter; Wuppertal, 1978; S. 60

d) Das 20. Jahrhundert - Veränderung statt Stillstand

14 Köllmann, Wolfgang: Von der Burgstadt zur „Regional"-Stadt; in: Reulecke, Jürgen: Die deutsche Stadt im Industriezeitalter; Wuppertal, 1978; S. 24

15 Marschalck, Peter: Zur Rolle der Stadt für den Industrialisierungsprozess in Deutschland in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts; in: Reulecke; Jürgen (Hrsg.): Die deutsche Stadt im Industriezeitalter; Wuppertal, 1978; S. 60

e) Die neue Stadt zerstört die alte

16 Krabbe, Wolfgang: Die deutsche Stradt im 19. und 20. Jahrhundert; Göttingen, 1989; S. 89f