Stella Polaris * Ulloriarsuaq - Das leuchtende Gedächtnis der Erde

Donnerstag, 18. Mai 2017
Rubrik: Sonderausstellungen

Historische Haushaltsgeräte im Museum Industriekultur

Stella Polaris * Ulloriarsuaq 

Das leuchtende Gedächtnis der Erde im Museum Industriekultur

In einem Mythos der Grönländer heißt es, dass im Eis die Weisheit steckt. Umso dramatischer erscheint das Vorhaben, das Schmelzen des Eises fotografisch festzuhalten. Mit ihrem Projekt Stella Polaris * Ulloriarsuaq, das Angaangaq Angakkorsuaq, ein Inuit Ältester, als spiritueller Mentor begleitet hat, wollen die Fotografen Nomi Baumgartl und Sven Nieder sowie Koordinatorin Laali Lyberth und Regisseur Yatri N. Niehaus aber nicht nur die Folgen des Klimawandels zeigen. Es soll auch Hoffnung machen. Auf zwei Expeditionen Ende 2012 und Anfang 2013 hielten sie in Langzeitbelichtungen den Wandel des einst ewig erscheinenden Eises fest. Neben den Fotografien gehören auch ein Film und ein Bildband zum Projekt.

Eine besondere Rolle kam den Grönländern zu. Als Lichtbotschafter leuchteten sie in den langen Polarnächten mit Taschenlampen die Motive aus, die sich auf den Aufnahmen wie strahlende Inseln von der Umgebung abheben. Baumgartl geht es dabei nicht nur um den künstlerischen Aspekt. "Durch das Licht transportieren die Menschen auch ihre Emotionen, ihre Botschaften und Hoffnungen. Deshalb sind sie im Grunde der wichtigste Teil des Projekts", erklärt sie. Ihr Kollege Nieder sieht es ähnlich: "Die eigentlichen Künstler sind die Lichtbotschafter, unsere Aufgabe war es nur, ihre Werke einzufangen und technisch zu koordinieren."

Diese Selbsteinschätzung ist äußerst bescheiden, denn die technische Koordination, Organisation und Durchführung glich einer Mammutaufgabe. Die Fotografen begutachteten jeden Gletscher und jeden Eisberg, bevor sie das Filmteam und die Lichtbotschafter hinzuholten. Sie besprachen die Szenen und Bilder im Team, erst danach brachten sie die Ausrüstung – zum Fotografieren S-Systeme mit 30- bis 180-mm-Optiken – auf Schneemobilen und Hundeschlitten zu den Locations. Während der ersten Exkursionen musste das Team noch Erfahrungen sammeln. Wie viel Licht benötigt man für die jeweilige Aufnahme? Wo positionieren sich die Fotografen? Baumgartl und Nieder bauten ihre Stative stets einige hundert Meter voneinander entfernt auf. So entstand zu jeder Aufnahme auch ein Referenzbild des anderen Fotografen. Ihre genauen Positionen hielten sie per GPS fest, um bei der zweiten Expedition den exakten Standpunkt wiederfinden zu können. Im Schnitt schafften sie ein Motiv pro Nacht.

Das Ergebnis ihrer Arbeit ist Stella Polaris * Ulloriarsuaq – auf lateinisch und in der Sprache der Grönland-Inuit verlieh der Polarstern dem Projekt seinen Namen. Und wie der Polarstern soll das Fotografie-, Film- und Kunstprojekt den Menschen eine Richtung weisen. "Egal was wir tun – alles hat eine Auswirkung irgendwo auf der Welt. Das ist die Botschaft, die für uns in diesem Projekt steckt", fasst Nieder zusammen. Die Auswirkungen des Klimawandels in Grönland sind drastisch, aber er bringt auch Chancen mit sich: Im Süden der Insel kann man jetzt Kartoffeln anbauen und es wachsen erste Bäume. Sogar Gewächshäuser für Erdbeeren gibt es. Sicher soll das Projekt auf das Schmelzen der Gletscher aufmerksam machen, aber im Grunde heißt seine Botschaft Hoffnung und Verbundenheit: Wir sind nicht allein und unser Handeln hat immer auch Auswirkungen auf andere – dafür möchte Stella Polaris * Ulloriarsuaq ein Bewusstsein vermitteln.

Text: Simon Schwarzer in: LFI 2/2016

www.lfi-online.de

Kosten:  Außer dem Museumseintritt fallen keine weiteren Kosten an.